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Schachweltmeister: Paul Morphy (1858 – 1859)


Erinnert ihr euch noch an das Taktikgenie Adolf Anderssen? Während er von 1851 bis 1858 überall als bester der Welt gefeiert wurde, stieg 1857 in den USA ein neuer Stern am Schach-Himmel auf. In diesem Jahr gewann der zwanzigjährige Paul Morphy den ersten Amerikanischen Schachkongress in New York, an dem die besten Spieler des Landes teilnahmen. Die Partien konnten übrigens manchmal mehr als zehn Stunden dauern, da es damals noch keine Zeitbegrenzung gab! Morphy wurde 1837 in New Orleans (Louisiana) geboren und war ein wahres Wunderkind.

Er hatte ein hervorragendes Gedächtnis und sprach schon im jungen Alter fließend Englisch, Französisch, Spanisch und Deutsch. Mit zwanzig Jahren schloss er sein Jurastudium als Rechtsanwalt ab – weil man aber damals in den USA erst mit 21 Jahren als Anwalt arbeiten durfte, spielte er vorläufig nur noch Schach.

Da er in den USA bald keine würdigen Gegner mehr fand, fuhr er 1858 nach Europa, in dem Schach zu diesen Zeiten sehr populär war. Dort fegte er alle Gegner vom Brett! Morphy besaß ein unglaubliches Positions- sowie Figurengefühl und spielte wirklich glänzendes Schach; aktiv und kombinationsreich. Er stellte drei einfache Grundprinzipien für die Eröffnung auf: 1. schnelle Figurenentwicklung, 2. Eroberung des Zentrums und 3. Beherrschen offener Linien. Morphy verstand Stellungen und griff nicht blind an, wie es viele Spieler seiner Zeit taten. Die folgende, wunderschöne Partie sollten alle von euch einmal gesehen haben:

  Morphy, Paul - Herzog Karl von Braunschweig und Graf Isouard (Beratungspartie Paris, 1858)

  1.e4 e5 2.Sf3 d6 Die Philidor-Eröffnung - schlicht, aber solide. Ich würde euch allerdings als zweiten Zug Sc6 oder Sf6 (Russisch) empfehlen, damit ihr den Läufer auf f8 gut entwickeln könnt.  3.d4 Lg4? Ein schlechter Zug, wie wir gleich sehen werden. Falls ihr es noch nicht kennt, solltet ihr euch übrigens einmal das Seekadetten-Matt an dieser Stelle anschauen. 4.dxe5 Lxf3 Hier zeigt sich das Problem. Auf [4...dxe5? kommt nämlich 5.Dxd8+ Kxd8 6.Sxe5 und Weiß hat einen gesunden Zentrumsbauern mehr.] 5.Dxf3 dxe5 6.Lc4 So ist es am besten! Der Läufer kommt mit Tempo auf ein schönes Feld. Es droht ein einfaches Schäfermatt. 6...Sf6? Dieser natürlich aussehende Zug ist nicht gut, besser wäre Dd7 oder Df6 gewesen. Danach kann Weiß wie in der Partie fortsetzen und sich mit Sc3 nebst Rochade normal entwickeln. Welchen feinen Zug hat Weiß wohl jetzt gemacht? 7.Db3! Ein schöner Doppelangriff!  7...De7 8.Sc3!? Hier hätte Weiß natürlich Dxb7 oder Lxb7 nebst Nehmen auf b7 spielen können, aber Morphy wollte seinen Entwicklungsvorsprung nutzen! 8...c6 9.Lg5 Seht, wie gesund sich die weißen Figuren entwickeln. 9...b5? Schwarz wollte sich verständlicherweise befreien, aber mit so einem Entwicklungsnachteil kann man sich solche Züge einfach nicht leisten. Nach z.B.  [9...Dc7 10.0–0–0 Lc5 11.Lxf7+! Dxf7 12.Td8+! gewinnt Weiß allerdings auch leicht.] Wie kann man den frechen schwarzen Vorstoß bestrafen?

 10.Sxb5! Nur so! Der schwarze König steht noch in der Mitte, während die Dame auf e7 die eigene Figurenentwicklung behindert. Weiß hingegen hat fast alle Figuren entwickelt und sollte die Stellung deswegen öffnen, selbst wenn dafür eine Figur geopfert wird. 10...cxb5 11.Lxb5+ Sbd7 Jetzt muss Weiß weitere Figuren in den Angriff überführen. Mit 12.0–0–0 wird ein Turm direkt ins Spiel gebracht, während der andere Turm auf h1 noch auf eine günstige Gelegenheit wartet. Die beiden Läufer fesseln die Springer und lähmen den Schwarzen komplett. Es droht sowohl Txd7 als auch Lxf6.  12...Td8 Noch hält die schwarze Stellung. Wie kann man nun den Angriff verstärken und weitere Verteidiger eliminieren?

13.Txd7! Txd7 14.Td1 Der Turm auf d8 ist jetzt kein Verteidiger mehr, sondern ein 'Opfer' auf d7 geworden. Weiß hingegen hat genauso viele Angreifer wie vorher im Spiel. Nun hat Weiß zwar fast einen ganzen Turm weniger, aber der schwarze König steht auf Matt und zwei seiner Figuren kommen nicht heraus.  14...De6 Schwarz möchte sich befreien, aber dafür ist es nun zu spät. 15.Lxd7+ Sxd7 Wer findet die entscheidende Kombination? Diagramm 16.Db8+!! Sxb8 17.Td8#

Ein wunderschöner, lehrreicher Sieg des Geistes über das Material. Wichtig: es gewinnt derjenige, der mattsetzt, nicht derjenige mit Materialvorteil! 1–0

Diese Partie, die übrigens in einer Oper während einer Aufführung gespielt wurde, ist nur eine von vielen, die Morphys Stärke demonstrieren. Schließlich lud Morphy den damaligen Weltmeister Adolf Anderssen nach Paris zu einem Match ein, das derjenige gewinnen sollte, der zuerst sieben Partien für sich entscheiden konnte. Morphy konnte dieses Match der beiden besten Spieler bei nur zwei Niederlagen und zwei Remis mit großem Vorsprung gewinnen und läutete damit ein neues Zeitalter der Schachgeschichte ein. Er wurde überall (insbesondere natürlich in den USA) als großer Held gefeiert! Leider zog er sich nach diesem überragenden Sieg, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, für immer von der Schachwelt zurück. Im Laufe der Zeit wahnsinnig geworden, verstarb er mit 47 Jahren im Sommer 1884. Ein späterer großer amerikanischer Weltmeister, Robert James Fischer, sagte von ihm, dass dieses Naturtalent die besten Spieler aus dem 20. Jahrhundert hätte schlagen können.

Behaltet ihn in guter Erinnerung! Es gibt viele schöne Partien von ihm, die ihr nachspielen könnt. Vielleicht habt ihr sogar schon einige Kombinationen gelöst, die aus seinen Meisterwerken stammen?!

Nach Morphys Rückzug galt Anderssen wieder als stärkster Spieler der Welt, aber das war nicht von langer Dauer…

[Thomas Trella]


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